Super-Nanny

Die Super-Nanny – Instant-Erziehung im Kinderzimmer

Überlegungen zum Erfolg der Erziehungs-Doku-Soap
von Dirk Härdrich
Da kann man doch nur vor Neid erblassen. Mit der „Super-Nanny“ hat RTL einen Coup gelandet. Mit bis zu fünf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern pro Sendung erfüllt diese Sendung genau das, was ein Privatsender erwartet, die Sendung macht Quote. Offenbar ist diese Sendung in eine „Marktlücke“ gestoßen.

Der Begriff „Super-Nanny“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort im allgemeinen Sprachgebrauch und darüber hinaus hat diese Sendung es verstanden, eine teilweise hochaufgeregte, in jedem Fall aber kontroverse Diskussion über die Erziehung von Kindern auszulösen.

Eigentlich kann der Erfolg der Fernseh-Doku-Soap „Super-Nanny“ nicht überraschen. Erziehungsprobleme nehmen zu, die Erwartungen an die Eltern steigen, Mehrfachbelastungen erschweren die Erziehung.

Ratgeber-Sendungen aller Art haben schon immer Hochkonjunktur gehabt und so sitzen denn auch bei jeder Sendung mehr als 5 Mio. Fernsehzuschauerinnen und –zuschauer vor dem Fernseher und schauen sich die Erziehungsleistungen der Super-Nannys Katja Saalfrank und Nadja Lyssen und der Super-Mamas Miriam und Aischa an.

Auf der Web-Seite der „originalen Super-Nanny“ aus den USA wird stolz darauf verwiesen, dass dies ein weltumspannender Fernsehhit mit Erfolg in 37 Ländern sei. Als moderne Mary Poppins habe die Super-Nanny einmalige Techniken entwickelt, um Verhaltensprobleme zu lösen und Eltern zu helfen, ihre schwierigen Kinder zu zähmen.

Damit ist aber bereits klar ausgesprochen, was die Erfolgsrezepte dieser Serien sind: es werden Techniken angeboten, Eltern soll geholfen werden, und es wird versprochen, die unruhigen Kinder in den Griff zu bekommen.

Was will man mehr. Die Super-Nannys schaffen das dann auch noch, so jedenfalls erwecken die Fernsehserien den Eindruck, binnen 14 Tagen, also in einer erstaunlich kurzen Zeit. Wenn man allerdings die, zwar komödiantisch gemeinte Pose der amerikanischen Super-Nanny Jo Frost sieht, dann erinnert das doch sehr an die Pädagogik des erhobenen Zeigefingers aus der grauen Vorzeit der Pädagogik.

Die Sendung polarisiert. Erziehungswissenschaftlerinnen und – wissenschaftler, Professionelle aus der Jugendhilfe, Vereine und Verbände der Erziehungsberatung und auch der Deutsche Kinderschutzbund kritisieren die Erziehungsmethoden und das Konzept der Sendung, aber viele Eltern, das beweisen hohe Zuschauerzahlen, halten diese Sendung für sehenswert und wenn man die Internetchats durchschaut auch hilfreich für die Bewältigung der eigenen Alltagsprobleme mit ihren Kindern.

Es stimmt:

  • Die Super-Nanny dringt in die Familien ein und stellt die Kinder und deren hilflose Eltern zur Schau. Kameraleute, Aufnahmeleiter und Techniker erzeugen eine absolute Aufnahmesituation; die Szenen sind darüber hinaus auch nicht immer „echt“ sondern gestellt.
  • Die Super-Nanny vermittelt den Eindruck, dass Erziehungsprobleme mit einfachen Rezepten binnen 14 Tagen gelöst werden können. Es ist aber eine Binsenweisheit in der Erziehungswissenschaft (und eigentlich wissen das auch Eltern), dass Erziehungsprozesse sehr viel länger benötigen, insbesondere wenn es auch sehr lange dauerte, bis sich die Probleme entwickelt haben.
  • Die Erziehungsmethoden sind teilweise autoritär und von geringer Wertschätzung gegenüber den Kindern und ihren Eltern geprägt.
  • Die Super-Nannys sind perfekte Frauen, sehen gut aus, sind privat und beruflich erfolgreich und wissen auf alle auftretenden Probleme sofort eine Antwort. Ob das realistisch ist, muss doch bezweifelt werden.
  • Die Sendung greift i. R. nur die Beziehungs- und Kommunikationsproblematik zwischen den Kindern und ihren Eltern auf; die oft tiefer liegende Grüne (Beziehungsprobleme zwischen den Eltern, materielle Probleme) somit also die Ursachen werden nicht aufgegriffen.
  • Die Regeln werden von den Erzieherinnen aufgestellt und nicht gemeinsam mit den Eltern und den Kindern erarbeitet.
  • Das gesamte Konzept ist defizitorientiert, sowohl bei den Kindern als auch bei ihren Eltern, es wird nicht von vorhandenen Ressourcen ausgegangen.
  • Einfache Regeln und Rezepte vermitteln den falschen Eindruck, Erziehung lasse sich auf diese Weise lösen.
  • Es gibt keine nachhaltige Betreuung, nach den 14 Tagen müssen die Eltern und ihre Kinder mit dem „erlernten“ allein klar kommen.
  • Die Sendungen sind so konzipiert, dass der Eindruck vermittelt wird, die Form der Erziehungsberatung durch die Super-Nannys ist immer und bei jeder dargestellten Problemlage erfolgreich.

Aber:

  • Die Super-Nanny unterstützt die oft hilflosen Eltern und bietet damit auch den Zuschauerinnen und Zuschauern eine Form der Beratung.
  • Das Vermitteln von Struktur und Regeln (eine der üblichen Standardmethoden der Erzieherinnen in der Sendung) ist per se kein falscher Weg und mag für den einen oder anderen auch in seinen eigenen Problemen hilfreich sein.
  • Die Super-Nannys regen die Diskussion über die Form von Erziehung auf einer breiten Basis an.
  • Die Super-Nannys unterscheiden sich außer der medialen Darstellung nicht grundsätzlich von anderen Erziehungsratgebern, die zu Zehntausenden Jahr für Jahr verkauft werden.

Die Kritik der professionellen Jugendhilfe an der „Super-Nanny“ ist berechtigt und nachvollziehbar. Sie beantwortet aber zwei Fragen nicht:

1. Warum haben diese Sendungen einen solchen Erfolg?
2. Was fehlt der seriösen Jugendhilfe

Es hilft doch alles Lamentieren und alle noch so massive Kritik, wie sie der Kinderschutzbund  stellvertretend für viele geäußert hat nichts an der Erkenntnis, dass hier offenbar ein großer Bedarf anders nicht gedeckt werden kann.
Welche Gründe spielen dafür eine Rolle?

  • Die Verunsicherung der Eltern über den Weg der Erziehung hat deutlich zugenommen. Einerseits sollen (und wollen) sie nicht als autoritäre Eltern auftreten, sondern ihre Kinder als gleichberechtigte Partner behandeln. Andererseits bedürfen gerade kleinere Kinder auch zu ihrer Orientierung und zu ihrem Schutz Regelen und klare Ansagen. Hier das vernünftige Maß zwischen klarer Ansage und autoritärem Verhalten zu finden, fällt heute immer schwerer, zumal die Einflüsse der Medien auf das Verhalten der Kinder zunehmen.
  • Die Super-Nanny erfüllt den Wunsch nach einfachen, klaren Regeln und Vorgaben. In einer immer unübersichtlicher werdenden Welt, wo nicht einmal mehr das Großziehen der Kinder ohne Probleme klappt, erfüllt sie damit eine Sehnsucht der Menschen nach Orientierung. Außerdem stößt sie in einen medialen und gesellschaftlichen Mainstream nach einer stärker wieder auf klare Regeln und Strukturen ausgerichteten Erziehung. Vor zwanzig Jahren wäre eine Sendung wie die Super-Nanny nicht möglich gewesen.
  • Sie erfüllt einen voyeuristischen Effekt. Man wird durch die Form der Darstellung quasi in das innere einer Familie mitgenommen und schaut bei deren sehr intimen Familienleben über die Schulter. Dabei stellt man fest, dass man mit seinen Erziehungsproblemen nicht allein ist und es noch sehr viel schlimmer sein kann, als bei einem selber. Das hat einen psychohygienischen Entlastungseffekt. Diese vermeintliche Erziehungsberatungssendung erfüllt alle Bedingungen eines niedrig schwelligen Angebotes, die Erziehungsberatung kommt sozusagen frei Haus und ohne Bedingungen zu den Kunden.

Diese massive Kritik der professionellen Pädagogik an diesen Sendungen mag auch darauf zurückzuführen sein, dass der Erfolg dieser Sendung eine Form von Neid auslöst und Verärgerung darüber mitschwingt, dass die professionellen Beratungsangebote weniger Resonanz erfahren, als diese Pseudoberatung im Fernsehen.

Was ist da nun zu tun? Zum einen ist zu fragen, ob die Super-Nannys wirklich zur professionellen Erziehungsberatung eine Konkurrenz und damit auch eine Gefahr sind oder ob nicht doch vor allem Menschen diese Fernsehsendungen als Beratungsangebot wahrnehmen, die ohnehin nicht zur originären Klientel der Beratungsstellen der Jugendhilfe zählen.

Zum anderen muss einfach konstatiert werden, dass die Form der Beratung (im Fernsehen in Form von pseudorealistischen Familienszenen) offenbar sehr gut ankommt. Wenn dem aber so ist, warum nutzt dann die professionelle Jugendhilfe nicht das Medium Fernsehen zu einer eigenen Form der Beratung, die wesentlich professioneller angelegt ist? Professionalität und Unterhaltungswert dürfen dabei nicht als ausschließende Elemente wahrgenommen werden.

Der Autor, Dr. Dirk Härderich, ist Abteilungsleiter im niedersächsischen Landesjugendamt. Er hat diese Stellungnahme zuerst in seiner „Hauszeitschrift“ JiN – Jugendhilfe in Niedersachsen veröffentlicht. Schade, dass es ab 2007 das Landesjugendamt (und damit auch seine Zeitschrift) nicht mehr gibt.

Weiteres Material zur „Super-Nanny“

  1. Es gibt eine sehr kritische Stellungnahme des Deutschen Kinderschutzbundes  unter www.kinderschutzbund-nrw.de/StellungnahmeSuperNanny.htm 
  2. Ebenfalls sehr kritisch ist die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie www.dgsf.org  als „news“ unter dem Datum 6.1.2005
  3. Helga Theunert schrieb eine ebenfalls sehr kritische Stellungnahme „Erziehungsberatung via Fernsehn – warum „Die Super Nanny“ kein Weg ist. Sie steht in dem Buch von
  4. K. Wahl/K. Hees (Hrsg.), Helfen „Super Nanny“ und Co?, Weinheim 2006, 166 S, 20 Euro. Hier gibt es eine Reihe lesenswerter Stellungnahmen und Hintergrundinformationen, unter anderem ein Interview mit dem Produzenten.
  5. Ebenfalls in diesem Buch findet sich eine abwägende Beurteilung von Elisabeth Helming, „SuperNanny“ und „Supermamas“ – Differenzieren statt dramatisieren.
  6. Es lohnt sich auch, auf der Homepage von RTL  www.rtl.de/ratgeber/familie  zu stöbern. Sie ist sehr einfach gemacht und hilft, das Konzept der Sendung verstehen und zum Beispiel Familienregeln nachzulesen, die im Hintergrund eine Rolle spielen, aber natürlich immer nur in den Sendungen kurz auftauchen.

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