Eltern-Briefe


Elternbrief 1:

Bildung – schon im Kindergarten!

Die Zeitungen schreiben zur Zeit viel über Bildung in Deutschland und im internationalen Vergleich. Einiges sieht da gar nicht so gut aus. Mancher und manche macht sich Sorgen, ob nicht auch das eigene Kind zu kurz kommt – später in der Schule, aber vielleicht auch schon im Kindergarten. Lernen Kinder dort genug? Werden sie gut genug vorbereitet auf all das, was danach kommt?
Wer sein Kind lieb hat, dem liegt an seiner Zukunft; der möchte dafür tun, was irgend er kann. Und er möchte wissen, ob sich die Erzieherinnen im Kindergarten genug um das kümmern, was heute wichtiger ist denn je:
die Bildung der Kinder.

1. Der Kindergarten als Ort der Bildung

Für die Bildung der Kinder müssen alle Kindergärten schon immer sorgen. Die Betreuung, Erziehung und Bildung der Kinder ist seit eh und je die gesetzliche Verpflichtung jeder Kindertageseinrichtung. In letzter Zeit wird aber besonders darüber nachgedacht, ob genug „Bildung“ im Kindergarten stattfindet.
Früher hat man gemeint, dass Bildung im Kindergarten vor allem dann geschieht, wenn die Kinder auf die Schule vorbereitet werden – besonders im letzten Jahr, bevor die Schule beginnt. Heute geht man davon aus, dass „Bildung“ vom ersten Tag des Kindergartenbesuchs an geschieht (und vorher natürlich schon zu Hause!) – vielleicht in den ersten Jahren sogar noch intensiver als später.

2. Was ist eigentlich Bildung?

Von „Bildung“ haben unterschiedliche Menschen verschiedene Vorstellungen. Manche denken dabei an Lesen, Schreiben Rechnen – also an das, was in der Schule vermittelt wird, andere sagen: Wer ganz viel weiß, der ist gebildet.
Wir im Kindergarten gehen von einem Verständnis aus, auf das sich viele wichtige Pädagogen 2002 in Leipzig geeinigt haben: „Bildung ist der umfassende Prozess der Entwicklung und Entfaltung derjenigen Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen, zu lernen, Leistungspotentiale zu entwickeln, zu handeln, Probleme zu lösen und Beziehungen zu gestalten.“ Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was das heißt.

„Der umfassende Prozess“ – damit ist gemeint, dass Bildung viel mehr ist als Wissen und Können: zum Beispiel selbständiges Denken, Interesse, Eigeninitiative, aber auch Rücksichtnahme und Sorgfalt im Umgang mit Menschen und Sachen. „Prozess“ meint einen Weg, nicht ein Ergebnis! Der Bildungsprozess beginnt mit der Geburt und endet nie. Ständig kommt Neues hinzu, mit dem sich die Menschen in ihrem Leben auseinandersetzen. Und dabei spielt alles Mögliche eine Rolle: Hören, Sehen, Tasten und Bewegen z.B. oder Denken und Fühlen, aber auch: andere Personen, Spielzeug und alltägliche Gegenstände oder technische Geräte…
„Entwicklung und Entfaltung“ ist etwas, was Kinder selbst tun, bei dem sie aber auch auf eine geschickte Unterstützung durch Erzieherinnen (und Eltern) angewiesen sind und auf eine anregende Umgebung – die im Kindergarten bestimmt zu finden ist!
„Fähigkeit, zu lernen“ – zum Glück ist Menschen diese Fähigkeit angeboren, sie sind von Natur aus neugierig, wissbegierig, vielseitig interessiert – Kinder besonders. Auch diese Fähigkeit bedarf der Unterstützung und Anregung. Dabei können wir den Kindern das nötige Wissen und die nötigen Fähigkeiten aber nicht „eintrichtern“. Besser ist es, sich Kinder wie trockene Schwämme vorzustellen,  die alles in sich aufsaugen – und die sich so selbst bilden!
„Leistungspotentiale zu entwickeln“ – Menschen wollen von sich aus das, was sie tun, gut machen und dafür auch Anerkennung bekommen. Schwierig wird es erst, wenn Leistungen von außen gefordert oder miteinander verglichen werden. Deshalb achten wir im Kindergarten darauf, die Kinder nicht zu vergleichen, sondern jedes einzelne Kind mit seinen je eigenen Fähigkeiten wert zu schätzen!
„Handeln, Probleme lösen“ – hier trauen und muten wir den Kindern viel zu – indem wir ihnen dazu Mut machen.
„Beziehungen gestalten“ – auch das will gelernt und immer wieder geübt sein. Im Kindergarten gibt es dazu durch die vielen anderen Kinder und die Erzieherinnen besonders gute Möglichkeiten.

3. Gibt es eigentlich „Bildungspläne“ für Kindergärten?

Ja, seit 2005 haben wir in Niedersachsen einen „Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Tageseinrichtungen für Kinder“. Er beschreibt sehr ausführlich, welche Bildungsmöglichkeiten Kindergärten den Kindern bieten sollen. Eltern können diesen Plan im Kindergarten einsehen, ihn im Internet herunterladen (www.nibis.de) oder auch im Buchhandel kaufen (er kostet ca. 10 €). Mit der Herausgabe dieses Planes macht das Kultusministerium deutlich, dass der Kindergarten für Kinder die erste wichtige Bildungsstätte nach dem Elternhaus ist – und nicht die Grundschule. Für Grundschulen gibt es übrigens auch einen neuen Bildungsplan, in dem ausdrücklich steht, dass Grundschulen auf die Arbeit des Kindergartens aufbauen müssen und die Kinder individuell dort abholen sollen, wo sie lernend gerade stehen.
Dann haben wir im Kindergarten noch einen zweiten, selbstgemachten Bildungsplan, das ist unsere „Konzeption“. Sie gibt genauere Auskunft darüber, wie wir den Bildungsplan des Kultusministeriums umsetzen.

4. Lernen die Kinder denn auch genug im Kindergarten?

Über diese Frage machen wir Erzieherinnen uns gerade besonders viele Gedanken. Wir vergleichen ganz genau das, was wir tun, mit dem, was wir im Interesse der uns anvertrauten Kinder noch tun könnten. Wir sind uns sicher: Bei uns hat Ihr Kind beste Bildungschancen! Gern erläutern wir Ihnen, warum wir davon so überzeugt sind! Und wenn Sie Anregungen haben, wie das eine oder andere noch besser gelingen könnte, sind wir Ihnen dankbar, wenn Sie uns das mitteilen.

5. Bildung ist gemeinsame Aufgabe

Kinder bilden sich selbst. Das gelingt besonders gut in einer anregenden Umgebung und mit unterstützenden Personen.
Um Kindern beste Bildungsmöglichkeiten zu bieten, müssen Erzieherinnen genau hinschauen, wie weit Kinder gerade sind und was sie gerade brauchen. Für solche Beobachtungen und deren Aufzeichnung und Auswertung nehmen wir uns viel Zeit. Auch lernen wir ständig dazu, wie wir Kinder noch besser anregen und fördern können. Momentan nehmen alle unsere Erzieherinnen an einer intensiven Langzeitfortbildung mit diesem Ziel teil. Wir versuchen, unsere Arbeit ständig für Ihr Kind zu verbessern.
Bei der Bildung der Kinder ist es besonders wichtig, dass Eltern und Erzieherinnen eng zusammenarbeiten, dass sie sich intensiv über das Kind und seinen Entwicklungsstand, seine besonderen Fähigkeiten und Interessen, möglicherweise auch über einen besonderen Förderbedarf austauschen. Deshalb laden wir Sie gern immer wieder zu Gesprächen dazu in den Kindergarten ein.

Dass die Zukunft Ihres Kindes so gut wie irgend möglich gelingt – das ist Ihr und unser gemeinsames Anliegen!

Copyright  © QfuerK 9/2006 R.Bühne

 

Eltenbrief 2:

Spielen

Wieder den halben Morgen nur gespielt? Was machen die nur im Kindergarten? Dabei sollen Kinder etwas lernen? Wozu sind denn die Erzieherinnen da? Wäre es nicht besser, sie würden den Kindern etwas beibringen, damit sie es in der Schule später leichter haben? Kinder sind doch im Vorschulalter so lernfähig. Das muss doch ausgenutzt werden, wer weiß, wie es später ist. Vielleicht ist es sogar dann zu spät, weil wichtige Bildungschancen verspielt wurden?
Haben Sie das auch schon einmal gedacht? Hier sind ein paar er-
klärende Informationen zum kindlichen Spiel:

1. Die Bedeutung des Spiels für Kinder

Dass Spielen für Kinder eine ganz große Bedeutung hat, haben bereits die „Erfinder“ des Kindergartens gewusst, Pestalozzi und Fröbel. Schon vor 200 Jahren haben sie sich Gedanken darüber gemacht, welches Spiel für Kinder das beste sei und wie man es pädagogisch am günstigsten unterstützt. Heute betonen Vorschulpädagogen (z.B. Prof. Dr. Fthenakis in: Knauers Handbuch Familie, München 2004) und Hirnforscher (z.B. Prof. Dr. Gerald Hüther in: Kinder gezielt fördern, München 2004) das genauso: Nirgends lernen Kinder so viel und so gut wie beim Spiel. Im Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, auf dessen Grundlage wir in Niedersachsen arbeiten, heißt es: „Für das Krippen- und Kindergartenkind ist das Spiel die wichtigste Form der handelnden Auseinandersetzung mit seiner inneren und äußeren Welt. Es ist seine bevorzugte Methode zu lernen. Deshalb gibt es im Grunde nichts Ernsthafteres für die Kinder als das Spiel, in welchem sie sich ihre eigene Welt schaffen.“ Genau darum geben wir im Kindergarten den Kindern ganz viel Zeit und Raum zum Spielen.

2. Was und wie Kinder spielend lernen

Im Spiel entwickeln Kinder aus eigenem Anstoß Verhaltensweisen, Denkweisen und Haltungen. Sie entwickeln sich darin vielfältig selbst.
Denken Sie nur an das bei Kindern so beliebte „Rollenspiel“, bei dem sie sich gern verkleiden (kreative und praktische Entwicklung). Sie übernehmen und spielen darin andere Personen, die Mutter zum Beispiel. Dazu müssen sie sich in die Mutter hineindenken (kognitive Entwicklung) und hineinfühlen (emotionale Entwicklung). Sie benutzen deren Formulierungen (sprachliche Entwicklung) und Reglungen (moralische Entwicklung) und setzen das anderen Kindern gegenüber ein (soziale Entwicklung) – ohne sich zu bewegen (motorische Entwicklung) geht das nie. Manchmal verarbeiten sie dabei auch noch eigenes Erleben. Häufig probieren sie phantasievoll „anderes“ Verhalten aus.
Denken Sie an „Mensch ärgere dich nicht!“ Kinder lernen dabei Farben, Zählen, Koordination von Zählen und Setzen, Greifen und Loslassen, den fürs Schreiben so wichtigen „Pinzettengriff“ von Zeigefinger und Daumen, lernen Regeln, Durchhalten, Enttäuschungen verarbeiten, Geduld, logisches Denken, Einzelheiten erfassen, sich so bewegen dass nichts umfällt oder verrutscht.
Denken Sie an Ballspiele: Zuwerfen und Fangen. Da ist ein kompliziertes Zusammenspiel von Bein-, Arm-, Hand-, Kopf-, Rückenmuskulatur erforderlich, weit mehr als 100 Muskeln müssen koordiniert werden, um zu fangen. Und dann noch abschätzen, wohin der Ball wahrscheinlich fällt, wie stark seine Eigenbewegung ist, wie groß er ist, wie der andere wirft.
In jedem Spiel gibt es Anforderungen und Herausforderungen, – Lernchancen zu Neuem, sich zu verbessern, sich zu verändern, zu wachsen. Manches muss oft wiederholt werden, bis es gelingt. Manches macht unglaublich viel Spaß und man kann es nicht oft genug wiederholen.
Das Spielen von Kindern hat also eine viel größere Bedeutung als das Spielen von uns Erwachsenen. Wir tun es meist ohne Zweck, zum reinen Vergnügen, zur Entspannung, allein aus Spaß daran oder am Tun mit anderen. Für Kinder dagegen bedeutet Spielen immer gleichzeitig Lernen, sie bilden sich darin vielfältig selbst.
Anregungen zum Spiel sind dafür manchmal hilfreich. Deshalb ist im Kindergarten für eine geeignete Umgebung und für vielfältiges Spielmaterial bestens gesorgt.

3. Freies Spiel

Manchmal sprechen ErzieherInnen von „Freispiel“ oder „freiem Spiel“. Sie meinen damit, dass Kinder dabei den Ort, die Tätigkeit, die Partner, das Material, den Spielverlauf, den Spielinhalt, die Dauer, das Tempo selbst bestimmen können.
Weil Kinder sich dann entsprechend ihres Entwicklungsstandes verhalten und sich und ihre Lernprozesse selbst steuern, ist es besonders wichtig und ergiebig, sie dabei zu beobachten. Das tun die ErzieherInnen häufig. Auch wenn es manchmal so scheint, als säßen sie nur untätig dabei. Aber das, was sie dann hören, sehen, wahrnehmen ist von großer Bedeutung für die gezielte Förderung der Kinder. Manchmal machen sie sich dabei oder danach Notizen und besprechen diese Beobachtungen mit Eltern und KollegInnen. Selten bedarf das Kind bei dieser Spielform der Unterstützung durch die ErzieherInnen. Sie greifen meist nur dann ein, wenn das Kind sich selbst oder andere gefährdet.

4. Spielfähigkeit

Die Fähigkeit zum Spielen ist den Menschen wahrscheinlich angeboren. Bei manchen Spielen sind jedoch Voraussetzungen zu erfüllen, im Denken, im Einfühlen, im Bewegen – vieles was wir Erwachsenen gern spielen, können Kinder noch nicht. Dazu müssen sie eben erst bestimmte Fähigleiten erwerben – meist auch im Spiel – ihrer bevorzugten Tätigkeit. Auch das sich Entscheiden für eine bestimmte Spielform, für ein bestimmtes Material für bestimmte Mitspieler kann nicht jedes Kind immer sofort. Weil Spielen aber für alle Kinder so wichtig ist, ist es manchmal sinnvoll, die „Spielfähigkeit“ einzelner gezielt zu fördern. Wann das nötig ist, wissen ErzieherInnen auf Grund ihrer Erfahrungen.

5. Spielen zu Hause

Kinder spielen immer und überall gern. Weil es für ihre Entwicklung so wichtig ist, sollten sie auch zu Hause darin so viel und oft wie irgend möglich unterstützt werden. Sie brauchen dafür Raum, Zeit, Spielzeug, Material und PartnerInnen. Die Zeitschrift ELTERN rät: `’Mischen Sie sich wenig ein. Helfen Sie, aber bevormunden Sie nicht. Oft reicht es, zusammen anzufangen und dann zu gehen. Kleinere Kinder spielen besser, wenn Mutter oder Vater in der Nähe sind. Sorgen Sie für das richtige Spielzeug.’

6. Literatur

Welches Spielzeug für Ihr Kind geeignet ist, kann Ihnen jede Erzieherin sagen. Wenn Sie es nachlesen möchten, empfehlen wir Ihnen besonders:
Nitsch/Hüther, Kinder gezielt fördern, Verlag Gräfe und Unzer, München 2004, ca 25 €.

7. Zum Schluss

Wir möchten – wie Sie – für Ihr Kind das Beste. Das ist eben keine frühe Verschulung, in der ihm möglichst früh möglichst viel eingetrichtert wird – das lehnen wir ab! Kinder entwickeln sich spielend und lernen spielend am besten – das unterstützen wir deshalb im Kindergarten wo irgend wir können, zum Nutzen Ihres Kindes!

Copyright  © QfuerK 9/2006 R.Bühne

 

Elternbrief 3:

Wie wir mit Kindern umgehen – und warum

Wie begegnen die Erzieherinnen im Kindergarten eigentlich meinem Kind? Warum so und nicht anders?
Sicher haben Sie sich das schon einmal gefragt. Unsere Art den uns anvertrauten Kindern gegenüber hat ihren Grund in unserer Einstellung: Schon kleine Kinder sind wertvolle Individuen, die sich selbst vielfältig entwickeln, die gern und viel lernen wollen. Jedes ist anders. Jede Situation ist anders. Deshalb kann es keine Rezepte geben, die immer und für jedes Kind gelten.
Unsere pädagogische Haltung Kindern gegenüber ist offen, freundlich, annehmend und wertschätzend. Wir bemühen uns, konsequent und berechenbar zu sein. Die Selbst-Entwicklung, das Selbst-Lernen und die Entwicklung positiven Selbst-Wertgefühls von Kindern wollen wir unterstützen.
Wenn Sie diese Einstellung und Haltung mit uns teilen, ist vielleicht das eine oder andere auch für Sie übernehmenswert.

1  Wir bemühen uns um einen freundlichen Gesichtsausdruck:

Jeder möchte, dass andere ihm freundlich begegnen. Das menschliche Hirn nimmt blitzschnell den Gesichtsausdruck anderer wahr. Dann sorgt es dafür, dass man sich freundlich schauenden Menschen gegenüber öffnet, weil es signalisiert, dass die sich in positiver Absicht nähern.

2  Wir suchen die Begegnung mit direktem Blickkontakt möglichst auf Augenhöhe und drücken uns so aus, dass das Kind uns verstehen kann:

Nur so entsteht das Gefühl, gleichwertiger Gesprächspartner zu sein. Jeder möchte den anderen verstehen und verstanden werden. Über Mimik, Gestik und Körperhaltung können wir viel mehr ausdrücken, als durch Worte allein. Das wird auf Augenhöhe viel besser gesehen.
Am besten versteht man sich von Mensch zu Mensch. Deshalb suchen wir immer die Begegnung mit dem einzelnen Kind.

3  Wir trauen jedem Kind viel zu:

Kinder brauchen das für die Entwicklung ihres Selbstwertgefühls. Sie möchten etwas allein können – auch wenn es länger dauert (Geduld!) und vielleicht nicht den Vorstellungen Erwachsener entspricht.
Natürlich bauchen Kinder viel Lob. Sie können jedoch oft ohne Lob meist selbst beurteilen, ob ihre Leistung gut war. Sie brauchen aber auch Ermutigung und persönliche Anerkennung, die „fehlerfreundlich“ Gutes und Anstrengung bemerkt.

4  Wir interessieren uns für jedes einzelne Kind ganz persönlich:

Nur so fühlen Kinder sich verstanden. Wir vergleichen Kinder nicht mit anderen – sie sind einzigartig. Wir hören ihnen möglichst oft „aktiv“ zu, also mit nickenden Kopfbewegungen, mit Blickkontakt, mit interessierter Mimik, mit „Ach?“, „Ja?“, „Oh Mann!“, „Das ist ja interessant!“ und sagen dem Kind, welches Gefühl wir gerade bei ihm vermuten.
Jeder darf jedes Gefühl haben. Deshalb lassen wir den Kindern ihre Gefühle (auch Trauer, Angst und Hass) und nehmen sie ihnen nicht weg („brauchst keine Angst zu haben“). Mit dem, was Kinder uns anvertrauen, gehen wir verantwortungsbewusst um.

5  Wir zeigen jedem Kind, dass wir es für wichtig und wertvoll halten:

Das braucht jeder Mensch und ganz besonders jedes Kinder für die Entwicklung seines positiven Selbst-Bewusstseins. Alles von ihm Geschaffene drückt Wichtiges aus – und sollte so behandelt werden: Gebautes, Gebasteltes, Gesungenes, Gesagtes, alles verdient pädagogische (also nicht vergleichende, aber angemessene) Würdigung. Niemals entwürdigen wir die Kinder, indem wir sie anbrüllen oder bloßstellen.
Wir sagen „danke“ und „bitte“, Kinder verdienen immer genau so eine höfliche Behandlung wie Erwachsene.

6  Wir sorgen für jedes Kind:

Kinder haben (Grund-)Bedürfnisse. Die kennen sie nicht immer, aber wir: Essen, trinken, Ruhe (kein Lärm), Toilettenbesuch, Nähe und Wärme, Geborgenheit, Sicherheit, Bewegung, positive soziale Kontakte, angenehme Gefühle. Die kindlich geäußerte „Lust“/„keine Lust“ kann diesen Bedürfnissen durchaus widersprechen; dann ist es uns wichtiger, für die Bedürfnisbefriedigung zu sorgen.

7  Wir kritisieren Kinder nicht:

Die Fähigkeit, Neues zu lernen und auszuprobieren, ist stark herabgesetzt, wenn der Vorschlag mit Kritik verbunden ist. Kinder nehmen besonders den Tonfall wahr: Schimpfen und meckern mögen sie gar nicht.
Natürlich kommt es immer wieder vor, dass Kinder etwas tun, „was sie nicht sollen“. Dann reden wir zum Beispiel lieber so mit den Kindern:
a. Wir benutzen möglichst eine „Ich“-Botschaft. Was wir nun sagen, fängt also mit „ich“ an und schildert unser Problem, unser Gefühl, unser Bedürfnis. (Also nicht „Du kannst das nicht!“ Sondern „Ich überlege, was man da machen kann.“„Ich habe Angst, dass das gleich runterfällt.“ „Ich brauche zum Vorlesen mehr Ruhe“). Wir vermeiden es, dem Kind zu sagen, was es tun soll, weil wir ihm erst mal zutrauen, selbst eine Lösung für unser Problem zu finden
b. Wir sagen, was wir erwarten – und nicht, womit das Kind aufhören soll. (Also nicht: „Hör auf, den Sand aus dem Sandkasten zu schaufeln!“ „Nimm die Füße vom Tisch!“ „Könnt ihr mal endlich aufhören so laut zu reden“. Sondern: „Ich möchte, dass der Sand im Sandkasten bleibt; kannst Du ihn bitte in die Mitte schaufeln?“ „Setz dich lieber auf einen Stuhl, wenn Du am Tisch spielen willst!“ „Ihr müsst Euch schon hinsetzen/ganz ruhig werden, bevor ich mit der Geschichte beginnen kann.“ So ist die Chance größer, dass sich Kinder nicht kritisiert fühlen.
c. Wir eine schlagen etwas Besseres vor. (statt: „Hör auf, die Wand zu bemalen!“ eher „Mir ist viel lieber, wenn du auf Papier malst; dann ärgert sich niemand und du kannst es aufbewahren.“). Dann kann das Kind das, was es möchte weitermachen, aber so, dass es niemanden stört.
d. Wir bleiben freundlich, aber konsequent. Manchmal muss man auch Kinder enttäuschen: („Nein, ich habe jetzt keine Zeit mehr zu helfen – vorhin hatte ich es mehrfach angeboten.“ „Du kennst die Regel, dass … Da kann ich jetzt leider keine Ausnahme machen.“) Das sollte vom Kind möglichst nicht als Strafe, sondern als „logische Konsequenz“ verstanden werden können (also sachliche Folge, niemals Rache).

8  Wir leben den Kindern positives Verhalten vor:

Was über Anschauung und Vorbilder erlebt wird, wird besonders gut und dauerhaft gelernt. Allerdings finden Kinder außer uns viele andere Vorbilder, die für sie manchmal weniger gut sind – wir bemühen uns also, (pädagogisch!) „attraktive Modelle“ zu sein. Keinesfalls können wir immer alles richtig machen – das kann niemand.
Zum Glück haben Kinder viel Verständnis für unsere Fehler.

Copyright  © QfuerK 9/2006 R.Bühne